Der große Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann wäre am 8. Dezember 90 Jahre alt geworden, wir stellen aus diesem Anlass Auszüge aus Christian Schuldts Buch "Systemtheorie - Theorie für die vernetzte Gesellschaft" vor.

Luhmann ist zur Gilde jener Theorie-Titanen zu zählen, die mit ihrem explosiven Gedankengut vieles vor ihnen Gedachte zum Einfall brachten. Keiner der historischen Großsoziologen, von Max Weber bis Talcott Parsons, entwickelte ein Denksystem, das in Sachen Komplexität und Stringenz an Luhmanns Theorie sozialer Systeme heranreicht. Eher ließe sich Luhmanns Werk mit dem eines Hegel oder Nietzsche vergleichen. Wie Hegel fand Luhmann für seine Zeit ein Weltbild, das er in schillernde Begriffe fasste; wie Nietzsche praktizierte er eine Art „fröhliche Wissenschaft” mit anarchischem Potenzial.

 

Luhmann bricht gewohnte Sichtweisen auf und kehrt die vertraute Optik um. Aus systemtheoretischer Perspektive erscheint das Vertraute überraschend, wird das Alltägliche aufregend – und zugleich auf einem neuen, komplexeren Level plausibel. Man könnte Luhmann auch einen Theoriekünstler nennen, denn seine Beobachtung der Unwahrscheinlichkeiten im scheinbar Selbstverständlichen und des Vertrauten im scheinbar Abseitigen ähnelt der Funktion, die er selbst bei der Kunst beobachtet: eine plausible Präsentation anderer Realitäten.

 

So sind die Entzauberungen der Systemtheorie immer auch Wiederverzauberungen: Sie machen die alltäglichsten Dinge zu Mysterien, ohne sie zu mystifizieren. Und wahrscheinlich ist es dieser quasi künstlerische Sog, diese irgendwie schräge Weltsicht, die die Systemtheorie so attraktiv macht und sogar Suchtpotenzial entfalten kann. Wer einmal gelernt hat, seinen Hund als „biologisches System” zu beobachten oder die Liebe als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium”, läuft erhöhte Gefahr, systemtheoriesüchtig zu werden.

 

Luhmann ging es nicht um die Spiegelung der bestehenden Welt, sondern um ihre Beobachtung aus einer neuen, differenzierteren Perspektive.

 

 

Aus:

Christian Schuldt

Systemtheorie

Theorie für die vernetzte Gesellschaft

ISBN 978-3-86393-080-6