Niklas Luhmann wäre am 8. Dezember 90 Jahre alt geworden, zu diesem Anlass geben wir an dieser Stelle Leseproben aus Christian Schuldts Buch Systemtheorie - Theorie für die vernetzte Gesellschaft

Aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades und ihrer begrifflichen Komplexität kann die Systemtheorie immer und überall für fruchtbare Erkenntnisse sorgen. Sie macht die scheinbar unterschiedlichsten Dinge vergleichbar – ohne dabei ihren eigenen Beobachtungsstandpunkt zu verschleiern. Denn alle Beobachtungen der Systemtheorie sind immer auch Selbstbeobachtungen. (S.9)

 

Die Systemtheorie verweist von sich aus auf die blinden Flecken jeder Beobachtung: Man kann nicht sehen, was man nicht sieht, wenn man sieht, was man sieht. Dieser Verweis auf die Unbeobachtbarkeit des eigenen Beobachtens führt eindimensionale Beschreibungen ad absurdum. Erst so wird ein differenzierteres Verständnis der Gesellschaft möglich. Und damit auch ein differenzierteres Bild des Menschen. (S.10)

 

Der Eintritt ins Reich der Systemtheorie gleicht einem Eintritt in eine andere Dimension: Man betritt eine Art spiegelverkehrte Welt, ein Universum voller Paradoxien und Widersprüche. Das erfordert – und erzeugt – eine neue, andersartige Sicht der Dinge. (S.15)

 

Ein Beobachter zweiter Ordnung kann zumindest sehen, dass er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann. Er erkennt, dass jede Beobachtung, also auch die eigene, an einen blinden Fleck gebunden ist beziehungsweise dass jede Beobachtung eine Kombination aus Blindheit und Sehen ist. Dieses Aufdecken von blinden Flecken relativiert die eigene Perspektive. Es zeigt, dass keine Beobachtung alles beobachten kann. (S. 55)

 

Weil Luhmann das „Ich sehe was, was du nicht siehst” erweitert zum „Ich sehe, dass ich selbst nicht alles sehen kann, wenn ich sehe, was du nicht siehst”, kann man die Systemtheorie auch als eine Anleitung zum Beobachten betrachten: Sie trainiert die Wahrnehmung von Differenzen und Relativität. (S. 56)

 

Aus:

Christian Schuldt

Systemtheorie

Theorie für die vernetzte Gesellschaft

ISBN 978-3-86393-080-6